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Auswirkungen der mutterlosen Aufzucht in technischen Ferkelammen auf Verhalten und Entwicklung von überzähligen Ferkeln

In der Vergangenheit lag der Fokus in der Schweinezucht darauf, möglichst viele Ferkel pro Wurf zu erhalten. In der Folge wurden zunehmend zu grosse Würfe bei Zuchtschweinen beobachtet. Um die sogenannten überzähligen Ferkel aufzuziehen, werden vermehrt technische Ferkelammen eingesetzt. Bei der Einführung dieser Ferkelammen war nicht bekannt, wie die Ferkel auf die mutterlose Aufzucht reagieren. Roland Werber und sein Team haben sich den daraus resultieren Forschungsfragen gestellt.

Interview mit Roland Weber, Projektverantwortlicher am Zentrum für Tiergerechte Haltung: Wiederkäuer und Schweine, Agroscope Tänikon (ZTHT), BLV

 

Weshalb wurde es nötig, die Auswirkungen der Aufzucht von Ferkeln in technischen Ferkelammen zu überprüfen?

Die Steigerung der Anzahl Ferkel pro Wurf ist seit etwa zwanzig Jahren ein wichtiges Zuchtziel in der Schweineproduktion. Der Gewinn des Züchters hängt direkt davon ab, wie viele Ferkel eine Sau erfolgreich aufzieht. Weil immer alle Ferkel gleichzeitig von der Muttersau gesäugt werden, muss jedes Ferkel eine Zitze haben. Sind im Wurf mehr Ferkel vorhanden, als die Sau Zitzen hat, werden die schwächeren Ferkel verdrängt und verhungern. Die Zucht war so erfolgreich, dass solche grossen Würfe zunehmend vorkamen. Um die überzähligen Ferkel nicht verhungern zu lassen, mussten Lösungen gefunden werden, und die Stallbauer begannen, technische Ferkelammen anzubieten. Ferkelammen sind Systeme für die mutterlose Aufzucht von Ferkeln. Die Ferkel werden dort mit künstlicher Sauenmilch gefüttert.

 

Wie wurde erkannt, dass es Probleme gibt und was war Anlass für das Forschungsprojekt?

In der Schweiz müssen serienmässig hergestellte Aufstallungssysteme bewilligt werden. Die Bewilligung wird nur erteilt, wenn die Systeme den Anforderungen einer tiergerechten Haltung entsprechen. Das ZTHT führt dieses Bewilligungsverfahren im Auftrag des BLV durch. Vor rund fünf Jahren wurden zwei technische Ferkelammen zur Bewilligung angemeldet. Unsere Nachforschungen haben schnell ergeben, dass kaum etwas darüber bekannt war, wie die Ferkel auf die Aufzucht in einem solchen System reagieren. Um die Bewilligung erteilen zu können, haben wir mit der Forschungsarbeit überprüft, ob die Aufzucht der Ferkel in technischen Ammensystemen einer tiergerechten Haltung entspricht. Im ersten Projekt wurden die Auswirkungen der mutterlosen Aufzucht auf das Verhalten der Ferkel untersucht. Wege um die dabei festgestellten Verhaltensstörungen der Ferkel zu verhindern, wurden im Nachfolgeprojekt gesucht.

Ferkelamme «Rescue Deck» mit Liegefläche hinter dem Streifenvorhang. Im Vordergrund die drei Milchcups. (Bild von R. Weber, BLV zur Verfügung gestellt)

 

Gibt es keine anderen Möglichkeiten, als die überzähligen Ferkel künstlich aufzuziehen?

Wenn gleichzeitig eine andere Muttersau im Stall einen kleinen Wurf hat, können die überzähligen Ferkel zu dieser Sau versetzt werden. Auf Grossbetrieben kann dieses Verfahren konsequent durchgeführt werden. Bei den in der Schweiz üblichen Beständen kommt es aber immer wieder vor, dass keine oder zu wenige Sauen mit kleinen Würfen in der gleichen Abferkelgruppe sind.

Eine andere Möglichkeit wäre, in der Abferkelbucht eine Zusatzfütterung anzubieten. Dies ist jedoch in den bei uns vorgeschriebenen Abferkelbuchten mit frei beweglichem Muttertier nicht einfach einzurichten und mit viel Aufwand verbunden. Das Hauptproblem dabei ist, dass auch diejenigen Ferkel die Kunstmilch mittrinken, die dies nicht nötig hätten. Da künstliche Sauenmilch sehr teuer ist, lohnt sich – im Gegensatz zur Kälbermast – die Zufütterung für die ganze Gruppe wahrscheinlich nicht.

 

Was bedeutet das frühe Absetzen für die mutterlos aufgezogenen Ferkel?

Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass die künstlich aufgezogenen Ferkel Verhaltensstörungen entwickeln. Auffällig war das «Belly Nosing», ein intensives Bearbeiten und Massieren von Buchtgenossen mit der Rüsselscheibe vor allem am Bauch. Dieses Verhalten entspricht genau demjenigen, das die Ferkel beim Säugen am Gesäuge der Muttersau natürlicherweise zeigen. Sie zeigen auch weniger Spielverhalten und vermehrt Aggressionen. Ausserdem ruhen sie weniger lang.

 

Gab es Unterschiede zwischen den beiden getesteten Systemen?

Die Systeme wurden nicht direkt miteinander verglichen. Das eine System wurde an der Forschungsanstalt Agroscope in Tänikon getestet, das andere System in drei Praxisbetrieben, die dafür eine befristete Bewilligung erhalten hatten. Die Verhaltensstörungen konnten nur bei den künstlich aufgezogenen Ferkeln festgestellt werden und kamen in beiden Systemen etwa gleich häufig und lang vor. Bei den parallel beobachteten Ferkeln mit üblicher Aufzucht bei der Muttersau wurde «Belly Nosing» nicht beobachtet.

 

Was waren die Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen?

Eigentlich können diese künstlichen Aufzuchtsysteme nicht bewilligt werden, da sie zu nicht tolerierbaren Verhaltensstörungen führen. Die Entscheidung führt aber in ein Dilemma: Wenn die technischen Ferkelammen nicht bewilligt werden, müssen überzählige Ferkel getötet werden, oder sie verhungern. Aus Tierschutzüberlegungen sollten wir die technischen Ferkelammen akzeptieren, auch wenn sie für die Ferkel keine optimale Lösung sind. Um Wege zu finden, diese Verhaltensstörungen zu verhindern oder wenigstens abzuschwächen, haben wir ein Folgeprojekt gestartet.

 

Was für eine Fragestellung wird im Folgeprojekt bearbeitet?

Das Ziel ist, Objekte zu finden, die ein hohes Potential haben, das «Belly Nosing» von künstlich aufgezogenen Ferkeln zu reduzieren. Dazu wurden in einem ersten Versuchsteil den künstlich aufgezogenen Ferkeln je paarweise verschiedene Gummisauger als Zitzenersatz respektive verschiedene Kissenmaterialien als «Ersatzgesäuge» für die Massagebewegung angeboten. Es wurde erhoben, für welche der angebotenen Objekte die Ferkel eine Präferenz hatten. Insgesamt wurden drei Saug- und drei Massageobjekte getestet.

In einem zweiten Versuchsteil werden diese Objekte um eine zusätzliche Kombination von Saug- und Massageobjekt erweitert. Diese werden in mehreren Umtrieben getestet. Es wird dabei auch eine Kontrollgruppe geben, bei der den Ferkeln gar kein Objekt angeboten wird.

 

Haben Sie bereits Resultate, und wenn ja, sind diese positiv?

Zurzeit ist erst der erste Versuchsteil abgeschlossen. Es hat sich gezeigt, dass sich die Ferkel mit allen angebotenen Saug- bzw. Massageobjekten etwa gleich lang beschäftigten und dass «Belly Nosing» bei allen Objekten auftrat. Inwieweit «Belly Nosing» aber reduziert werden kann, kann erst mit dem zweiten Versuchsteil beantwortet werden.

 

Wie sieht die weitere Entwicklung aus? Wird es immer grössere Würfe und damit immer mehr mutterlos aufgezogene Ferkel geben, die Verhaltensstörungen zeigen?

In der Schweiz wird heute vermehrt Wert auf die Aufzuchtrate gesetzt, d. h. auf die Anzahl der Ferkel, die pro Wurf abgesetzt werden. Dabei werden nur die von den Sauen selbst aufgezogenen Ferkel berücksichtigt. Somit wird die Anzahl der Ferkel pro Wurf abflachen oder zumindest weniger schnell ansteigen. Durch dieses Zuchtziel sollte es auch zu weniger überzähligen Ferkeln kommen. In anderen Ländern wird aber immer noch ganz gezielt auf grössere Würfe gezüchtet. Wir werden also noch längerfristig mit dem Problem konfrontiert sein.

 

Werden sich diese technischen Ferkelammen nun stark verbreiten?

Es ist nicht damit zu rechnen, dass bald in jedem Zuchtbetrieb eine technische Ferkelamme stehen wird, weil diese nicht billig sind und ein gutes Management voraussetzen, was sich in der Arbeitszeit niederschlägt. Viele Schweineproduzenten werden andere Lösungen vorziehen, z. B. Ferkel konsequenter innerhalb einer Abferkelgruppe umverteilen.

Ferkelamme «Nursery» mit Liegefläche auf Tiefstreu in einer Kiste (rechts). In der Mitte der Milchfutterautomat. (Bild von R. Weber, BLV zur Verfügung gestellt)